offenbarung

aus allen poren
tropft
der schmerz
im takt
dröhnender klagerufe
reinigt sich
die wunde

Dieses Gedicht habe ich geschrieben als ich „Time To Tell“, das erste Soloalbum der Grenzgängerin Christine Carol Newby alias Cosey Fanni Tutti, zum ersten Mal gehört habe. Ich war von der ersten Sekunde an gefesselt. So etwas hatte ich nie zuvor gehört. Aber zugleich schien mir, was dort zum Ausdruck kam, vertraut. Die vier Songs sind Türöffner zu verborgenen inneren Wüsten. In dieser Wüste irrt eine verwundete Frau umher. Sucht nach Wasser. Sucht nach Schatten. Halluziniert. Halluziniert solange bis kein Unterschied mehr zwischen Wirklichkeit und Wahn ist.

Cosey Fanni Tuttis Musik ist ein Spiegel für ein verborgenes Grauen, das an den Rändern des Alltäglichen wohnt. Da, wo bloße Worte abperlen. Und gerade deshalb ist sie nicht beklemmend, sondern befreiend. Und zwar nicht irgendwie irgendwas oder irgendjemanden befreiend: sondern sie ist Befreiung für die verwundete Frau in uns. Diese Frau wohnt nicht nur in mir, sondern sie ist der verborgene Klageruf unseres kulturellen Gedächtnisses. Dieser Klageruf, der heute leider häufig zu Geplapper und Phrasengedresche verpufft. Deshalb ist es wichtig, dass Cosey Fanni Tutti genau diese Wunde auch dieses Jahr mit ihrem zweiten Solowerk „Tutti“ wieder aufgerissen hat. Nicht weil Schmerz etwas Schönes ist, sondern weil der Ort der Wunde eben auch der Ort der Heilung und Verwandlung ist.

Cosey Fanni Tutti – TUTTI

Die acht Stücke des Albums sind ursprünglich als Soundtrack ihres autobiographischen Films „Harmonic Coumaction“ entstanden. Der Film wurde 2017, das Jahr, in dem auch ihre Autobiografie „Art Sex Music“ erschien, in London ausgestellt. Und so besteht das „Audio-Selbstporträt“ entsprechend aus manipulierten Aufnahmen der letzten 50 Jahre.

Auch hier stellt die Musik die Frage, wo ist die Grenze von Wahn und Wirklichkeit? Wird Wirklichkeit nicht erst dann wirklich, wenn wir auch dem Wahn Raum geben? Und ist nicht letztlich alles irgendwie eine Art Zwischenraum, aus Halluzination und Realität? Zeigen nicht gerade Momente des Wahnsinns, die alltägliche Wirklichkeit manchmal viel klarer als der so genannte Zustand der Nüchternheit?

In den meist unter 5 Minuten bleibenden Songs des aktuellen Albums schreitet die Künstlerin weiter an der Schwelle dieser Fragen. An- und abschwellende Drones treffen auf treibend-repetitive Industrial-Beats. Düstere Synthesizer-Flächen steigen auf und vergehen. Lassen sich nicht so recht greifen. Manchmal erklingen Schreie („Drone“). Manchmal auch eine Trompete („Tutti“).

Auch wenn der Begriff Avantgarde heute zu einer leeren Worthülse verkommen ist und auf beinahe alles angewandt wird, was Musik irgendwie mit künstlerischem Anspruch zu verbinden scheint, erinnert Cosey Fanni Tutti an sein ursprüngliches Gewicht. Die Künstlerin hat ihr Leben dem Aufbrechen von Konventionen verschrieben. In ihrer Autobiografie „Art Sex Music“ zeichnet sie die Spuren dieser bewegten Existenz nach. Es war, wie so oft, ein autoritärer Vater, der sie aus dem Elternhaus trieb. Aber nicht nur das. Denn es war auch und vor allem der innere Antrieb einer vom Leben selbst Getriebenen. Getrieben, die eigene Stimme zu finden. Getrieben, alles Gewohnte auf seine Substanz zu prüfen. Diese Substanz bröckelte. Und sie bröckelt noch immer. Und es ist gut, dass Cosey Fanni Tutti mit ihrer auditiven Autobiografie daran erinnert.

Natürlich erfindet sie hier in musikalischer Hinsicht nichts mehr neu. Denn das hat sie ja bereits hinter sich. Sie wandelt längst nicht mehr allein auf den Pfaden, die sie mit ihren verschiedenen Projekten (COUM, Throbbing Gristle, Chris&Cosey) ebnete. Von Punk über Industrial bis zu den Sampling-Techniken der jüngeren Zeit hat die Künstlerin, Stripperin, Pornodarstellerin und Musikerin vieles vorgezeichnet, was später ausgemalt wurde. Das Gewicht ihres Schaffens und damit auch nicht das des Zweitlings lässt sich allerdings hieran nicht messen, es liegt vielmehr im Ungreifbaren, im Inneren, im unbekannten Raunen einer Frau, die es versteht, über sich selbst hinauszuwachsen und dadurch anderen Frauen Mut macht, ihr auf diesem Pfad zu folgen.

Kommentar hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website auf WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: