Pharmakon – „Devour“

Wir romantisieren gern den Zustand vor unserer Geburt. Eingebettet in einen warmen Trog aus Liebe lagen wir da. Unwissend. Unschuldig. Alles in uns aufsaugend. Dann irgendwann: Zarte kleine Kreaturen, die allem mit offenen Augen und entwaffnendem Lächeln entgegen stolpern. Und nach und nach lallend die Kluft zwischen sich und der Welt kleiner werden lassen. Bis sie sich schließt. Und unsere Worte scheinbar perfekt zu dem passen, was wir mit ihnen bezeichnen.

Aber unser Netz aus Begriffen hat Löcher. Und in diesen Löchern hat sich Margaret Chardiet alias Pharmakon eingenistet. Und sie reißt sie mit ihrem zermalmenden Noise-Nihilismus auf ihrem vierten Album „Devour“ immer weiter auf. Bis sie Tunnel werden. Tunnel, die wuchernde Untiere sind, die alles um sich herum verschlingen. Auskotzen. Verschlingen. Denn sie weiß, „dass Chaos, Wahnsinn, Schmerz und sogar Selbstzerstörung natürliche und unvermeidliche Reaktionen auf eine ungerechte und ekelhafte Welt sind, die wir selbst erschaffen“. Und in dieser Welt ist kein Platz mehr für Selbstbeschönigung.

Also nochmal. Aber diesmal im Sinne Pharmakons. Ohne Verklärung. Da sind wir nun. In einer dunklen Höhle aus schmieriger Fleischmasse. Selbst nichts als kleine Haufen Fleisch. Vor uns hin wabernd. Parasitär das Futter unserer Wirtin verschlingend bis wir ausgestoßen werden. Voll geschmiert mit Blut und Kot und Schleim. Und dann. Dann liegen wir da. Alles in uns aufnehmend. Allem ausgesetzt. Und von allem etwas wollend. Hungrig. Und schon jetzt: Ausgehöhlt. Vergiftet. Besessen von einem unstillbaren Verlangen, uns selbst zu fressen.

Von diesem Hunger ist die kreischende Bestie auf „Devour“ angetrieben, die aus ihrem degenerierten Maschinenkörper Worte herauspresst, die so klingen als hätte sie die Ausgeburt des Satans persönlich verfasst: „There is an all-devouring hunger / which distends deprivation / it is no aberrant anomoly / but endogenous and autonomic / ordained by our very nature“ („Deprivation“). Aber hier spricht keine dämonische Mythengestalt, sondern ein Wesen, das in einer Welt fernab von Mythen und Zauberei existiert. Es ist unsere Welt. Und sie ist finster. In ihr hausen keine Götter mehr. Sondern sich selbst verschlingende Menschenmonster. Den Schmerz der Selbstzerstörung nicht mehr spürend, weil zerberstend-harsche Industrie-Rhythmen den zerfressenen Leib betäuben.

Und so am Leben halten. Schreie, die ins kakophone Gezanke sich überlagernder Stimmen eintauchen: „Self-Regulation System“. Hypnotisierende Pulsschläge, die betäubenden Lebenssaft durch die verstopften Klang-Adern eines sich selbst im Gleichgewicht haltenden Wesens pumpen, das, kurz bevor es sich aufzulösen scheint, immer wieder von neuem erwächst. Der totale Zusammenbruch. Und die unwiderrufliche Wiederkehr des Immergleichen: „Homeostasis“.

Auch wenn ihr gurgelndes, sich selbst zerfleischendes Kreischen so klingt, Pharmakon ist keine Verbündete des Satans. Sondern eine genaue Beobachterin einer sich selbst vernichtenden Gesellschaft, in der „primal and pristine panic“ herrscht („Pristine Panic / Cheek By Jowl“). Entkommen zwecklos: „They will sniff you out / With savage detection / To lay claim over your autonomy / And feed their gluttonous intentions“, heißt es in „Spit It Out“.

Erstaunlich ist, dass sie zwar die Welt des Sounds dekonstruiert. Allerdings ohne in vollkommene Strukturlosigkeit zu zerfallen. Und so zerberstend sich die fünf Lieder von Anfang bis Ende in die Tiefen der Eingeweide bohren. Sie bleiben geordnet. Und genau das beunruhigt. Denn rauschende Krachwände lassen sich am Ende doch relativ leicht bändigen. Zumindest, wenn man rechtzeitig genug den Stecker zieht. Aber „Devour“ lässt sich nicht stoppen. Vielmehr spult es den Moment einer gleichzeitigen Geburt und Selbstzerstörung in Dauerschleife ab.

Mit dieser sich auf fünf Songs erstreckenden Selbstopferung entlarvt Pharmakon auch unsere Selbstverklärung und bringt deren Ursprünge auf verquere Weise umso deutlicher zum Vorschein. Denn vielleicht müssen wir uns selbst verklären, um in einer Welt zu überleben, die wir fortwährend an den Rand der Zerstörung treiben: „Massakrierte Bäume. Häuser erheben sich. Schnauzen, Fratzen überall. Der Mensch wuchert. Der Mensch ist der Krebs der Erde“. Und vielleicht ist die einzige Möglichkeit der Freiheit hier in letzter Konsequenz, selbst zum Kannibalen zu werden? Aber „nicht um den oder jenen aufzufressen sondern um ihn auszukotzen“.

Diese Diagnosen könnten aus der Feder Pharmakons stammen, aber niedergeschrieben hat sie der rumänische Philosoph Emil Cioran. Seine Gedanken haben auf „Devour“ eine musikalische Antwort gefunden. Dieses variiert in jeder Sekunde dessen Einsicht: „Indem die Natur den Menschen zuließ, hat sie viel mehr als einen Rechenfehler begangen: ein Attentat auf sich selbst“.

Ob Pharmakon in dieser Wirklichkeit gewordenen Dystopie, wie ihr Name nahelegt, Heilmittel oder Gift ist, muss jede für sich selbst entscheiden.

„Devour“ erscheint am 30. August 2019 auf Sacred Bones.

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