10 Alben, die 2019 wichtig waren

  1. Pharmakon – Devour
  2. Knife Wife – Family Party
  3. Beth Gibbons & The Polish National Radio Symphony Orchestra – Henryk Górecki: Symphony No. 3
  4. Lisa Morgenstern – Chameleon
  5. Cosey Fanni Tutti – TUTTI
  6. Little Simz – GREY Area
  7. Lingua Ignota – Caligula
  8. Nots – 3
  9. Shannon Wright – Providence
  10. Kim Gordon – No Home Record

Daniel Johnston: Ein Porträt in fünf Songs

Foto des US-Musikers Daniel Johnston

„Are you Daniel Johnston?“ – „I used to be Daniel Johnston.“ – „Who are you now?“ – „I don’t know.“

Er war einer der größten Antihelden der US-amerikanischen Musikwelt. Und manche mögen sich darüber streiten, ob seine rohen, kindlichen Verzweiflungslieder und grotesken Comics Kunst oder Ausdruck einer psychischen Erkrankung sind. An dem künstlerischen Schatz, den der vielbegabte Daniel Johnston von Kindesbeinen an in die Welt trug, prallt jedoch jeder Versuch derartiger Einordnungen ab. Für den Autodidakten war Kreativität keine Nebensache, sondern Lebensmotor. Und so verwirrt und verzweifelt er einerseits schien, seine Schöpferkraft war unzerstörbar. Genau von dieser unerschütterlichen Zerbrechlichkeit legen seine Zeichnungen und seine Musik Zeugnis ab.

Am 11. September 2019 ist Daniel Johnston im Alter von nur 58 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Das hier ist ein Porträt in fünf Songs.

„Grievances“ – Songs of Pain (1980-81)

Daniel Dale Johnston wuchs als jüngstes von fünf Kindern in einem streng christlichen Elternhaus in Cumberland, West Virginia auf. Viele seiner Eindrücke und Erlebnisse hielt er mit seinem Kassettenrecorder fest. Sein erstes Tape „Songs Of Pain“ ist eine erste Dokumentation dieser für ihn essentiellen Verschmelzung von Kunst und Leben.

Das Eröffnungsstück „Grievances“ setzt ein mit einem hüstelnden Räuspern. Doch dann erklingt einer der schönsten Songs, den je ein enttäuschtes Herz geschrieben hat. Es geht einerseits um seine große Liebe Laurie Allen: „If I had my own way, you’d be with me here today. / But I rarely have my own way, that’s why you’re not here with me today.“ Aber auch um viel mehr: „Climbed up a mountain, and I looked around / Some kind of circus with all them clowns“, singt eine sich der konventionellen Tonordnung verweigernde Stimme. Am Ende könnte die Liebe vielleicht der menschlichen Idiotie ein Gegengewicht bieten, aber er weiß: „That we’re all on our own.“ Diese gar nicht so leichten Einsichten werden von einem umso leichteren Klavier getragen. Dieses war ihm schon früh ein treuer Gefährte. Es ist nicht nur Begleitinstrument, sondern eher wie ein Spielkamerad, der fröhlich vor sich hin trällert, um auf das traurige Gesicht seines Freundes ein Lächeln zu zaubern – aber eins, das nur die beiden verstehen.

„Walking The Cow“ – Hi, How Are You? (1986)

„Hi, How Are You?“ waren die ersten Worte, die er zu seiner geliebten Laurie sagte und es ist der Titel des Albums, mit dem es ihm erstmals gelang eine breitere Öffentlichkeit für sich zu gewinnen. Um bekannter zu werden, verteilte der Musiker seine Kassetten auf der Straße und wenn ihm die Kopien ausgingen, nahm er es einfach nochmal von vorn auf. Lokale Plattenläden legten das Tape bei sich umsonst aus. Und Johnston, der zu dieser Zeit bei McDonalds arbeitete, vorher hatte er es auf der Universität und Kunstschule versucht, schmuggelte sein Werk manchmal in McDonald’s-Tüten hinein. Durch eine MTV-Dokumentation über die Musikszene von Austin, Texas konnte er dann schließlich eine kleine Fangemeinde für sich gewinnen. Der Fan, der das Licht der Öffentlichkeit jedoch besonders hell auf ihn scheinen ließ, war Kurt Cobain. Dieser trug 1992 bei den MTV Video Music Awards ein T-Shirt, auf dem der berühmte „Frosch“ des Albumcovers abgebildet war.

Der Song „Walking The Cow“ ist inspiriert von einem Werbelogo der US-amerikanischen Eiscreme-Marke Blue Bell, auf dem ein Mädchen zu sehen ist, dass eine Kuh spazieren führt. Für Johnston war das Motiv jedoch mehr als das. So verriet er in einem Gespräch, das in der berühmten Doku „The Devil And Daniel Johnston“ (2005) von Jeff Feuerzeig, zu sehen ist, dass „Walking The Cow“ nichts Geringeres bedeute als das ganze Gewicht der Welt zu tragen. Der Song beginnt mit dem Satz: „Hi, How Are You?“. Danach lässt er seine Magnus Chord Organ die ganze Schwere des menschlichen Daseins für einen Moment fort tanzen. Über einen nervösen Akkord-Pulsschlag legt sich hin und wieder eine verspielte Melodie während eine schüchterne Stimme dem Zusammenbruch zu entkommen versucht.

„1990“ – Don‘t Play Cards With Satan (1990)

In einem Interview sagte Johnston einmal, dass Satan seinen Namen kennt. In „Don‘t Play Cards With Satan“ klingt seine Furcht vor dem bösen Verführer wider. Zugleich schimmert von irgendwo die Hoffnung auf Erlösung: „I thought I saw a bluebird / Sitting on a post / Shiver down my spine / I thought it was the Holy Ghost.“ Die Stimme überschlägt sich, Satans Name wird gerufen und zugleich sind Harmonie und Melodie so eingängig und tröstlich, dass sie Erinnerungen an die Kirchenlieder, mit denen der Musiker groß wurde, wecken.

„Life In Vain“ – Fun 1994

„Fun“ war das erste Album, das auf einem größeren Label erschienen ist. Einen vorher von Elektra Records angebotenen Vertrag hatte er abgelehnt, da diese auch Metallica unter Vertrag hatten, von dener er dachte, dass sie vom Satan besessen waren. Er entschied sich also für Atlantic Records. Der zweite Albumsong „Life In Vain“ ist das herzzerreißende Bekenntnis eines Lebenskünstlers: „It’s so tough just to be alive / When I feel like the living dead“, singt der zu dieser Zeit in einer psychiatrischen Klinik wohnhafte Künstler. Zur Folk-Gitarre gesellt sich eine lieblich weinende Geige, die so klingt als wollte sie sich in Zurückhaltung üben, aber zugleich daran erinnern will, dass der Ängstliche nicht allein ist. Und am Ende vielleicht alles gut wird.

„Space Ducks Theme Song“ – Space Ducks (2012)

Im Jahr 2012 hat sich Johnston einen Kindheitstraum erfüllt und seinen ersten Comic in die Welt gebracht: „Space Ducks: An Infinite Comic Book of Musical Greatness“. Die Geschichte handelt von Enten die sich gegen die Agenten des Satans stellen. Der Soundtrack ist sein letztes Album, auf dem unter anderem auch Songs von Jake Bugg, Eleanor Friedberger oder Lavender Diamond versammelt sind. Mit kindlicher Fantasie und einer großen Portion groteskem Humor nimmt er hier nochmal den Kampf mit dem Bösen auf: „Space Ducks! Fighting all the evil! All the creepy people! In a war in outer space!“, singt der 51 Jährige im „Space Ducks Theme Song“. Das Klavier watschelt fröhlich durchs Universum, begleitet von Schlagzeug, Bass und quakenden Lauten. Der Gesang ist hingegen mehr in dieser Welt als sonst. Und es klingt so als hätte Johnston gemeinsam mit seinen gefiederten Mitstreitern den Kampf gegen die Dämonen gewonnen.

(Dieser Artikel wurde zuerst auf ByteFM veröffentlicht.)

The Slits – „Cut“ wird 40 Jahre alt

The Slits – „Cut“

Als Daniela Reis und Fritzi Ernst alias Schnipo Schranke vor vier Jahren von Pissegeruch im Genitalienbereich sangen, rümpfte eigentlich niemand so recht die Nase. Eher entwich dem einen oder der anderen ein amüsiertes Lächeln. Welche Tragweite es jedoch hat, den Fokus auf derart tabuisierte Bereiche zu richten, wird deutlich, wenn man sich an eine Zeit  erinnert, in der es hiermit um mehr ging als bloße Pose und Unterhaltung.

Für die Punk-Pionierinnen The Slits war auf die Bühne zu pinkeln oder sich gebrauchte Tampons ans Ohr zu hängen Ausdruck eines Befreiungsschlags. Und eine Kampfansage an das männliche Establishment. Ihr Debütalbum „Cut“ wird heute, am 7. September 2019, 40 Jahre alt. Mit Wegbereiterin Patti Smith im Rücken forderten Gitarristin Viv Albertine, Bassistin Tessa Pollitt und Sängerin Ari Up eine Musikwelt heraus, in der Frauen bestenfalls im zweiten Rand vor der Bühne Geltung hatten – oder hinter der Bühne als After-Show-Unterhaltung. Es war die Hochzeit des Punks, aus der The Slits hervorgingen. Und von deren Nabelschnur sie sich zugleich abtrennen wollten.

Im Lendenschurz gegen das Patriarchat

Angefangen hat alles inmitten der damaligen Punkszene in London. Aris Mutter Nora heiratet 1979 den Ex-Sex-Pistols-Sänger John Lydon. Früh in Berührung mit den Ursprungswellen des Punk, entschließt sich Ari Gitarre zu lernen. Auf einem Konzert von Patti Smith lernt sie die zukünftige Schlagzeugerin Paloma Romero alias Palmolive kennen, die zeitweise die Freundin von The Clashs Joe Strummer war. Mit ihr war die Band komplett. Bis es 1979 ins Studio für die Aufnahmen von „Cut“ geht – allerdings ohne Paloma Romero, sondern mit Peter Edward Clarke alias Budgie an den Drums– , teilten die Musikerinnen die Bühne mit Acts wie The Clash oder Buzzcocks. Die Erfahrungen, die sie hierbei machten, trieben sie an, ihren eigenen Stil zu finden.

Auf „Cut“ treffen Dub-Reggae-Rhythmen auf rohen Punk-Sound. Diese eigenwillige Verbindung zweier musikalischer Welten kam nicht von ungefähr. Denn es ging darum, sich ganz klar von den männlichen Kollegen abzugrenzen: „Wir wollten auf keinen Fall männliche Rhythmen spielen“, erklärte Viv Albertine. Sieht man sich die Reaktionen auf das Album an, verwundert dieser Abgrenzungswunsch nicht. „Cut“ hat nicht nur für Irritationen gesorgt, sondern regelrechten Hass geschürt. Hier waren plötzlich Frauen in einer Rolle zu sehen und zu hören, die bis dahin ausschließlich Männern vorbehalten war. Und dass diese Frauen sich nun auch noch nackt, mit Schlamm beschmiert und im Lendenschurz ablichten ließen, schien die Grenzen des Tolerierbaren zu sprengen.

Auf der Suche nach der eigenen Stimme

Indem sie sich den traditionellen Frauenbildern widersetzten, legten The Slits wie von selbst die Engstirnigkeit und Misogynie des vermeintlich freiheitsliebenden Punks offen: „Sie wussten nicht, ob sie uns ficken oder töten sollen“, fasste Viv Albertine die spürbare Verachtung ihres Publikums einmal zusammen. Der Song „Typical Girls“ nimmt direkt Bezug auf das damals vorherrschende Frauenbild: „Don’t create / Don’t rebel / Have intuition / Can’t decide.“ Mit anderen Worten: Wage es nicht, für Dich zu sprechen und eine eigene Stimme zu finden.

Diese eigene Stimme verkörpert „Cut“. Hier fordert Leadsängerin Ari Up in „Shoplifting“ zum Ladendiebstahl auf. In „Spend, Spend, Spend“ hält sie dem kapitalistischen Ablenkungsmanöver den Spiegel vor. Shoppen wird als Betäubungsmittel einer unausgedrückten Traurigkeit entlarvt. Und in „Ping Pong Affair“ wird auch das letzte bisschen der männlichen Deutungshoheit zum Stottern gebracht: „Same old thing, yeah I know / Everybody does it“. Selbstbefriedigung. Männersache? Von wegen. Auch die Verherrlichung des Heroin-Konsums ihrer männlichen Kollegen wird unter die Lupe genommen: „He is a boy / He’s very thin / Until tomorrow / Took heroin / Don’t like himself very much / ‚Cause he’s set to set to self-destruct“, heult es einem in „Instant Hit“ entgegen. Und in „So Tough“ werden John Lydon und Sid Vicious explizit beim Namen genannt.

Auch wenn nach wie vor die Anarchy in the U.K. den Sex Pistols zugeschrieben wird. Das Erbe der Slits ist groß. Für die Riot-Grrrl-Bewegung aus den frühen 90er-Jahren sind sie wegweisend. Und sieht man sich die gegenwärtige Musiklandschaft an, bleibt zu hoffen, dass dieses Erbe mehr als museales Insider-Wissen bleibt, sondern der in ihm aufbewahrte Geist der Rebellion immer wieder zu neuem Leben erweckt wird. Hüte sich, wer meint, wir wären hiermit jemals fertig: „Stop, we won‘t stop / Don‘t you stop / I can‘t live if you stop“. (Le Tigre, „Hot Topic“)

Pharmakon – „Devour“

Pharmakon – „Devour“

Wir romantisieren gern den Zustand vor unserer Geburt. Eingebettet in einen warmen Trog aus Liebe lagen wir da. Unwissend. Unschuldig. Alles in uns aufsaugend. Dann irgendwann: Zarte kleine Kreaturen, die allem mit offenen Augen und entwaffnendem Lächeln entgegen stolpern. Und nach und nach lallend die Kluft zwischen sich und der Welt kleiner werden lassen. Bis sie sich schließt. Und unsere Worte scheinbar perfekt zu dem passen, was wir mit ihnen bezeichnen.

Aber unser Netz aus Begriffen hat Löcher. Und in diesen Löchern hat sich Margaret Chardiet alias Pharmakon eingenistet. Und sie reißt sie mit ihrem zermalmenden Noise-Nihilismus auf ihrem vierten Album „Devour“ immer weiter auf. Bis sie Tunnel werden. Tunnel, die wuchernde Untiere sind, die alles um sich herum verschlingen. Auskotzen. Verschlingen. Denn sie weiß, „dass Chaos, Wahnsinn, Schmerz und sogar Selbstzerstörung natürliche und unvermeidliche Reaktionen auf eine ungerechte und ekelhafte Welt sind, die wir selbst erschaffen“. Und in dieser Welt ist kein Platz mehr für Selbstbeschönigung.

Also nochmal. Aber diesmal im Sinne Pharmakons. Ohne Verklärung. Da sind wir nun. In einer dunklen Höhle aus schmieriger Fleischmasse. Selbst nichts als kleine Haufen Fleisch. Vor uns hin wabernd. Parasitär das Futter unserer Wirtin verschlingend bis wir ausgestoßen werden. Voll geschmiert mit Blut und Kot und Schleim. Und dann. Dann liegen wir da. Alles in uns aufnehmend. Allem ausgesetzt. Und von allem etwas wollend. Hungrig. Und schon jetzt: Ausgehöhlt. Vergiftet. Besessen von einem unstillbaren Verlangen, uns selbst zu fressen.

Von diesem Hunger ist die kreischende Bestie auf „Devour“ angetrieben, die aus ihrem degenerierten Maschinenkörper Worte herauspresst, die so klingen als hätte sie die Ausgeburt des Satans persönlich verfasst: „There is an all-devouring hunger / which distends deprivation / it is no aberrant anomoly / but endogenous and autonomic / ordained by our very nature“ („Deprivation“). Aber hier spricht keine dämonische Mythengestalt, sondern ein Wesen, das in einer Welt fernab von Mythen und Zauberei existiert. Es ist unsere Welt. Und sie ist finster. In ihr hausen keine Götter mehr. Sondern sich selbst verschlingende Menschenmonster. Den Schmerz der Selbstzerstörung nicht mehr spürend, weil zerberstend-harsche Industrie-Rhythmen den zerfressenen Leib betäuben.

Und so am Leben halten. Schreie, die ins kakophone Gezanke sich überlagernder Stimmen eintauchen: „Self-Regulation System“. Hypnotisierende Pulsschläge, die betäubenden Lebenssaft durch die verstopften Klang-Adern eines sich selbst im Gleichgewicht haltenden Wesens pumpen, das, kurz bevor es sich aufzulösen scheint, immer wieder von neuem erwächst. Der totale Zusammenbruch. Und die unwiderrufliche Wiederkehr des Immergleichen: „Homeostasis“.

Auch wenn ihr gurgelndes, sich selbst zerfleischendes Kreischen so klingt, Pharmakon ist keine Verbündete des Satans. Sondern eine genaue Beobachterin einer sich selbst vernichtenden Gesellschaft, in der „primal and pristine panic“ herrscht („Pristine Panic / Cheek By Jowl“). Entkommen zwecklos: „They will sniff you out / With savage detection / To lay claim over your autonomy / And feed their gluttonous intentions“, heißt es in „Spit It Out“.

Erstaunlich ist, dass sie zwar die Welt des Sounds dekonstruiert. Allerdings ohne in vollkommene Strukturlosigkeit zu zerfallen. Und so zerberstend sich die fünf Lieder von Anfang bis Ende in die Tiefen der Eingeweide bohren. Sie bleiben geordnet. Und genau das beunruhigt. Denn rauschende Krachwände lassen sich am Ende doch relativ leicht bändigen. Zumindest, wenn man rechtzeitig genug den Stecker zieht. Aber „Devour“ lässt sich nicht stoppen. Vielmehr spult es den Moment einer gleichzeitigen Geburt und Selbstzerstörung in Dauerschleife ab.

Mit dieser sich auf fünf Songs erstreckenden Selbstopferung entlarvt Pharmakon auch unsere Selbstverklärung und bringt deren Ursprünge auf verquere Weise umso deutlicher zum Vorschein. Denn vielleicht müssen wir uns selbst verklären, um in einer Welt zu überleben, die wir fortwährend an den Rand der Zerstörung treiben: „Massakrierte Bäume. Häuser erheben sich. Schnauzen, Fratzen überall. Der Mensch wuchert. Der Mensch ist der Krebs der Erde“. Und vielleicht ist die einzige Möglichkeit der Freiheit hier in letzter Konsequenz, selbst zum Kannibalen zu werden? Aber „nicht um den oder jenen aufzufressen sondern um ihn auszukotzen“.

Diese Diagnosen könnten aus der Feder Pharmakons stammen, aber niedergeschrieben hat sie der rumänische Philosoph Emil Cioran. Seine Gedanken haben auf „Devour“ eine musikalische Antwort gefunden. Dieses variiert in jeder Sekunde dessen Einsicht: „Indem die Natur den Menschen zuließ, hat sie viel mehr als einen Rechenfehler begangen: ein Attentat auf sich selbst“.

Ob Pharmakon in dieser Wirklichkeit gewordenen Dystopie, wie ihr Name nahelegt, Heilmittel oder Gift ist, muss jede für sich selbst entscheiden.

„Devour“ erscheint am 30. August 2019 auf Sacred Bones.

Hanne Hukkelberg – Birthmark

Hanne Hukkelberg spinnt gern Fäden zwischen dem, was auf den ersten Blick so gar nicht zusammenzupassen scheint. Schon in der Vergangenheit hat die Sängerin, Komponistin und Produzentin Art-Pop, Folktronica und Jazz miteinander verflochten. Und in diese Mischung häufig Field Recordings und überraschende Samples einfließen lassen.

Auch auf ihrem sechsten Album „Birthmark“, das am 16. August auf ihrem Label Hukkelberg Music erscheinen wird, bleibt die Norwegerin ihrer Experimentierfreude treu. Soul, R&B und Drum‘n‘Bass treffen hier auf minimalistische Klavierkompositionen. Alltagsgeräusche bilden den verzauberten Rhythmusteppich, dem eine kristallklare Stimme als Fixstern die Richtung weist.

„Birthmark“ schlägt eine Brücke zwischen ihrem jugendlichen und erwachsenen Selbst. Einerseits hat die Musikerin hier ihre Liebe zu Soul und R&B zu neuem Leben erweckt. Genres, zu denen sie sich als Teenagerin hingezogen fühlte. Was jedoch ebenso im Zentrum steht, ist die innige Beziehung zu ihrer verstorbenen Großmutter. Diese spielt auf dem Album buchstäblich eine tragende Rolle. Basieren doch die dort versammelten Songs allesamt auf Improvisationen am Klavier. Und zwar nicht an irgendeinem, sondern an dem, das sie von jener geerbt hat.

So tänzelt das Album zwischen zwei Welten. Einmal ist es die einer weisen Frau, die um die Unergründlichkeit des menschlichen Daseins weiß. Dann die einer neugierigen und waghalsigen Jugendlichen. Beides schließt sich nicht aus, denn: „the age of a body is not the age of a soul” („The young and bold I“).

Vom R&B und Soul angetrieben, stellt ihr jugendlich-furchtloses Selbst die großen Fragen des Lebens. Wie zum Beispiel in „Faith“: „Tell me, mother / how can you believe / in something you know / is not real / now, have you ever / witnessed God / will you ever testify / aren’t we all lost / in a vacuum space”. Indem Hukkelberg derartige Bekundungen tiefer Lebensweisheit in ein leichtfüßig-verspieltes Klanggewebe einbettet, nimmt sie ihnen ihre Schwere. Einsichten wie „our body and soul are not in sync / and you too will for sure get old” in „The Young And Bold I“ werden von einem Drum’n‘Bass-Beat getragen. Dazu fügen sich Samples von ihrem Sohn, der Schlagzeug spielt, sowie Balalaika-Aufnahmen. Und in „Crazy”, einer Lektion über Liebeskummer, schmiegt sich eine gesampelte Mikrowellentür an ein flatteriges Art-Pop-Gewand. Das nimmt Sätzen wie „my heart can’t love anymore“ nicht ihre Ernsthaftigkeit, sondern lässt sie vielmehr klarer in den Vordergrund rücken. Bis schließlich ihr Inneres nach außen dringt: „my inside is on the outside now”. Wirklich greifbar ist Hukkelberg trotzdem nicht. Sie entwischt uns vielmehr immer wieder. Und auch sich selbst: „with or against me / I never know / I’m just trying to catch my breath”, singt sie in „Catch me if you can”.

Wer trotzdem versuchen will, ihr näher zu kommen, dem sei das wunderbar verzauberte Pop-Kunststück „Birthmark“ ans Herz gelegt.

(Die Rezension wurde zuerst auf Noisiv veröffentlicht)

Knife Wife – Family Party

Knife Wife – Family Party

Die Musik von Knife Wife ist ein freches kleines Biest, das dich von hinten anfällt und dir liebevoll ins Ohr flüstert, dass es dich gleich verschlingen wird. Nur nicht sofort. Denn erstmal musst du mit ihm spielen. Und du möchtest das auch irgendwie, weil es auf eine merkwürdige Art recht niedlich aussieht. Aber eben auch ziemlich verrottet. So als hätte es schon lange nichts mehr zu essen bekommen und kaum Zärtlichkeit erfahren. Dieses groteske Wesen ist der Beweis dafür, dass auch in einer Welt der Lieblosigkeit und Tristesse etwas wächst. Oder besser gesagt: wuchert. Knife Wifes Debütalbum „Family Party“ ist so eine Wucherung. Auf verstörend unaufgeregte Weise tragen hier Sami Cola, Nico Castleman und Ruby Parrish ein von Krankheit, Ekel und Liebeswahn geplagtes Innenleben nach Außen.

Schon der erste Satz des Eröffnungsstücks „Dreamland“ lässt erahnen, dass das „Traumland“, von dem Castleman und Parrish abwechselnd singen, eher ein „Albtraumland“ ist. „Cut up photos of you and glue it in my eyelids my tongue is sour and I am always sick“, bekundet eine gelangweilte Stimme. Wie man von dort zu „I think I am in dreamland because I wanna have fun all the time“ gelangt, weiß wahrscheinlich nur, wer das dreckige Loch des Nichts zu seinem Zuhause gemacht hat. Ziemlich genau das haben die in Washington D.C. lebenden Musikerinnen offenbar geschafft. Wie sonst könnte das morbide Kopfkino hier zu fruchtbarem Boden und die Narkose beim Zahnarztbesuch zum Highlight des Jahres („The Dentist“) werden?

Zwischen Betäubung und Langeweile, einem gefickten Dogma („Silly Pony“) und kleinen Hunden im Kühlschrank („Dogs“) zeichnet sich eine degenerierte Suche nach Zuneigung ab. So heißt es beispielsweise in „Silly Pony“: „I’ll collect your used Band-Aids until my infatuation fades“. Und körperliches Begehren äußert sich im Wunsch, „every living thing in sight“ zu verschlingen. Egal ob Ameise oder Biene. Das findet auch die Mitstreiterin zwar ziemlich eklig, aber einen Kuss gibt sie der Ausgehungerten trotzdem: „gross that’s all fucking gross come here I kiss you right on the mouth.“ Ganz so gelangweilt und unbeteiligt, wie es teilweise klingt, sind die drei „minimalistic music monkeys“, wie sie sich selbst nennen, allerdings nicht. Denn auch wenn Sätze wie „euthanize your friends“ („Lobe“) vorgetragen werden als ginge es um nichts, wird spätestens im Nervenbahnen zermalmenden „Cheek“ deutlich, dass der Wunsch, sich zu betäuben, nicht von ungefähr kommt.

Das alles wird getragen von einem Klanggerippe, hauptsächlich bestehend aus Bass, Gitarre und Schlagzeug, das von jedem Überfluss gehäutet ist. Meist genügen zwei oder drei Akkorde und ein kalter Pulsschlag um den Verfall am Leben zu erhalten. Dieses Gemisch aus musikalischem Minimalismus und poetischem Eskapismus könnte man sicher versuchen in irgendeine Garage-Post-Punk Schublade zu stecken oder musikalische Verbindungslinien zu Warpaint, The XX oder Mourn spinnen. Man kann das aber auch einfach lassen und stattdessen dem Wunsch der kleinen satanischen Kreatur folgen, mit ihr zu spielen. Dabei muss man allerdings ertragen, ihr schließlich dabei zuzusehen, wie sie gelangweilt den Spielplatz verlässt, um sich vergnüglich selbst zu verdauen.

https://milkyflem.bandcamp.com/album/family-party

Cosey Fanni Tutti – TUTTI

offenbarung

aus allen poren
tropft
der schmerz
im takt
dröhnender klagerufe
reinigt sich
die wunde

Dieses Gedicht habe ich geschrieben als ich „Time To Tell“, das erste Soloalbum der Grenzgängerin Christine Carol Newby alias Cosey Fanni Tutti, zum ersten Mal gehört habe. Ich war von der ersten Sekunde an gefesselt. So etwas hatte ich nie zuvor gehört. Aber zugleich schien mir, was dort zum Ausdruck kam, vertraut. Die vier Songs sind Türöffner zu verborgenen inneren Wüsten. In dieser Wüste irrt eine verwundete Frau umher. Sucht nach Wasser. Sucht nach Schatten. Halluziniert. Halluziniert solange bis kein Unterschied mehr zwischen Wirklichkeit und Wahn ist.

Cosey Fanni Tuttis Musik ist ein Spiegel für ein verborgenes Grauen, das an den Rändern des Alltäglichen wohnt. Da, wo bloße Worte abperlen. Und gerade deshalb ist sie nicht beklemmend, sondern befreiend. Und zwar nicht irgendwie irgendwas oder irgendjemanden befreiend: sondern sie ist Befreiung für die verwundete Frau in uns. Diese Frau wohnt nicht nur in mir, sondern sie ist der verborgene Klageruf unseres kulturellen Gedächtnisses. Dieser Klageruf, der heute leider häufig zu Geplapper und Phrasengedresche verpufft. Deshalb ist es wichtig, dass Cosey Fanni Tutti genau diese Wunde auch dieses Jahr mit ihrem zweiten Solowerk „Tutti“ wieder aufgerissen hat. Nicht weil Schmerz etwas Schönes ist, sondern weil der Ort der Wunde eben auch der Ort der Heilung und Verwandlung ist.

Cosey Fanni Tutti – TUTTI

Die acht Stücke des Albums sind ursprünglich als Soundtrack ihres autobiographischen Films „Harmonic Coumaction“ entstanden. Der Film wurde 2017, das Jahr, in dem auch ihre Autobiografie „Art Sex Music“ erschien, in London ausgestellt. Und so besteht das „Audio-Selbstporträt“ entsprechend aus manipulierten Aufnahmen der letzten 50 Jahre.

Auch hier stellt die Musik die Frage, wo ist die Grenze von Wahn und Wirklichkeit? Wird Wirklichkeit nicht erst dann wirklich, wenn wir auch dem Wahn Raum geben? Und ist nicht letztlich alles irgendwie eine Art Zwischenraum, aus Halluzination und Realität? Zeigen nicht gerade Momente des Wahnsinns, die alltägliche Wirklichkeit manchmal viel klarer als der so genannte Zustand der Nüchternheit?

In den meist unter 5 Minuten bleibenden Songs des aktuellen Albums schreitet die Künstlerin weiter an der Schwelle dieser Fragen. An- und abschwellende Drones treffen auf treibend-repetitive Industrial-Beats. Düstere Synthesizer-Flächen steigen auf und vergehen. Lassen sich nicht so recht greifen. Manchmal erklingen Schreie („Drone“). Manchmal auch eine Trompete („Tutti“).

Auch wenn der Begriff Avantgarde heute zu einer leeren Worthülse verkommen ist und auf beinahe alles angewandt wird, was Musik irgendwie mit künstlerischem Anspruch zu verbinden scheint, erinnert Cosey Fanni Tutti an sein ursprüngliches Gewicht. Die Künstlerin hat ihr Leben dem Aufbrechen von Konventionen verschrieben. In ihrer Autobiografie „Art Sex Music“ zeichnet sie die Spuren dieser bewegten Existenz nach. Es war, wie so oft, ein autoritärer Vater, der sie aus dem Elternhaus trieb. Aber nicht nur das. Denn es war auch und vor allem der innere Antrieb einer vom Leben selbst Getriebenen. Getrieben, die eigene Stimme zu finden. Getrieben, alles Gewohnte auf seine Substanz zu prüfen. Diese Substanz bröckelte. Und sie bröckelt noch immer. Und es ist gut, dass Cosey Fanni Tutti mit ihrer auditiven Autobiografie daran erinnert.

Natürlich erfindet sie hier in musikalischer Hinsicht nichts mehr neu. Denn das hat sie ja bereits hinter sich. Sie wandelt längst nicht mehr allein auf den Pfaden, die sie mit ihren verschiedenen Projekten (COUM, Throbbing Gristle, Chris&Cosey) ebnete. Von Punk über Industrial bis zu den Sampling-Techniken der jüngeren Zeit hat die Künstlerin, Stripperin, Pornodarstellerin und Musikerin vieles vorgezeichnet, was später ausgemalt wurde. Das Gewicht ihres Schaffens und damit auch nicht das des Zweitlings lässt sich allerdings hieran nicht messen, es liegt vielmehr im Ungreifbaren, im Inneren, im unbekannten Raunen einer Frau, die es versteht, über sich selbst hinauszuwachsen und dadurch anderen Frauen Mut macht, ihr auf diesem Pfad zu folgen.

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