Hanne Hukkelberg – Birthmark

Hanne Hukkelberg spinnt gern Fäden zwischen dem, was auf den ersten Blick so gar nicht zusammenzupassen scheint. Schon in der Vergangenheit hat die Sängerin, Komponistin und Produzentin Art-Pop, Folktronica und Jazz miteinander verflochten. Und in diese Mischung häufig Field Recordings und überraschende Samples einfließen lassen.

Auch auf ihrem sechsten Album „Birthmark“, das am 16. August auf ihrem Label Hukkelberg Music erscheinen wird, bleibt die Norwegerin ihrer Experimentierfreude treu. Soul, R&B und Drum‘n‘Bass treffen hier auf minimalistische Klavierkompositionen. Alltagsgeräusche bilden den verzauberten Rhythmusteppich, dem eine kristallklare Stimme als Fixstern die Richtung weist.

„Birthmark“ schlägt eine Brücke zwischen ihrem jugendlichen und erwachsenen Selbst. Einerseits hat die Musikerin hier ihre Liebe zu Soul und R&B zu neuem Leben erweckt. Genres, zu denen sie sich als Teenagerin hingezogen fühlte. Was jedoch ebenso im Zentrum steht, ist die innige Beziehung zu ihrer verstorbenen Großmutter. Diese spielt auf dem Album buchstäblich eine tragende Rolle. Basieren doch die dort versammelten Songs allesamt auf Improvisationen am Klavier. Und zwar nicht an irgendeinem, sondern an dem, das sie von jener geerbt hat.

So tänzelt das Album zwischen zwei Welten. Einmal ist es die einer weisen Frau, die um die Unergründlichkeit des menschlichen Daseins weiß. Dann die einer neugierigen und waghalsigen Jugendlichen. Beides schließt sich nicht aus, denn: „the age of a body is not the age of a soul” („The young and bold I“).

Vom R&B und Soul angetrieben, stellt ihr jugendlich-furchtloses Selbst die großen Fragen des Lebens. Wie zum Beispiel in „Faith“: „Tell me, mother / how can you believe / in something you know / is not real / now, have you ever / witnessed God / will you ever testify / aren’t we all lost / in a vacuum space”. Indem Hukkelberg derartige Bekundungen tiefer Lebensweisheit in ein leichtfüßig-verspieltes Klanggewebe einbettet, nimmt sie ihnen ihre Schwere. Einsichten wie „our body and soul are not in sync / and you too will for sure get old” in „The Young And Bold I“ werden von einem Drum’n‘Bass-Beat getragen. Dazu fügen sich Samples von ihrem Sohn, der Schlagzeug spielt, sowie Balalaika-Aufnahmen. Und in „Crazy”, einer Lektion über Liebeskummer, schmiegt sich eine gesampelte Mikrowellentür an ein flatteriges Art-Pop-Gewand. Das nimmt Sätzen wie „my heart can’t love anymore“ nicht ihre Ernsthaftigkeit, sondern lässt sie vielmehr klarer in den Vordergrund rücken. Bis schließlich ihr Inneres nach außen dringt: „my inside is on the outside now”. Wirklich greifbar ist Hukkelberg trotzdem nicht. Sie entwischt uns vielmehr immer wieder. Und auch sich selbst: „with or against me / I never know / I’m just trying to catch my breath”, singt sie in „Catch me if you can”.

Wer trotzdem versuchen will, ihr näher zu kommen, dem sei das wunderbar verzauberte Pop-Kunststück „Birthmark“ ans Herz gelegt.

(Die Rezension wurde zuerst auf Noisiv veröffentlicht)

Knife Wife – Family Party

Knife Wife – Family Party

Die Musik von Knife Wife ist ein freches kleines Biest, das dich von hinten anfällt und dir liebevoll ins Ohr flüstert, dass es dich gleich verschlingen wird. Nur nicht sofort. Denn erstmal musst du mit ihm spielen. Und du möchtest das auch irgendwie, weil es auf eine merkwürdige Art recht niedlich aussieht. Aber eben auch ziemlich verrottet. So als hätte es schon lange nichts mehr zu essen bekommen und kaum Zärtlichkeit erfahren. Dieses groteske Wesen ist der Beweis dafür, dass auch in einer Welt der Lieblosigkeit und Tristesse etwas wächst. Oder besser gesagt: wuchert. Knife Wifes Debütalbum „Family Party“ ist so eine Wucherung. Auf verstörend unaufgeregte Weise tragen hier Sami Cola, Nico Castleman und Ruby Parrish ein von Krankheit, Ekel und Liebeswahn geplagtes Innenleben nach Außen.

Schon der erste Satz des Eröffnungsstücks „Dreamland“ lässt erahnen, dass das „Traumland“, von dem Castleman und Parrish abwechselnd singen, eher ein „Albtraumland“ ist. „Cut up photos of you and glue it in my eyelids my tongue is sour and I am always sick“, bekundet eine gelangweilte Stimme. Wie man von dort zu „I think I am in dreamland because I wanna have fun all the time“ gelangt, weiß wahrscheinlich nur, wer das dreckige Loch des Nichts zu seinem Zuhause gemacht hat. Ziemlich genau das haben die in Washington D.C. lebenden Musikerinnen offenbar geschafft. Wie sonst könnte das morbide Kopfkino hier zu fruchtbarem Boden und die Narkose beim Zahnarztbesuch zum Highlight des Jahres („The Dentist“) werden?

Zwischen Betäubung und Langeweile, einem gefickten Dogma („Silly Pony“) und kleinen Hunden im Kühlschrank („Dogs“) zeichnet sich eine degenerierte Suche nach Zuneigung ab. So heißt es beispielsweise in „Silly Pony“: „I’ll collect your used Band-Aids until my infatuation fades“. Und körperliches Begehren äußert sich im Wunsch, „every living thing in sight“ zu verschlingen. Egal ob Ameise oder Biene. Das findet auch die Mitstreiterin zwar ziemlich eklig, aber einen Kuss gibt sie der Ausgehungerten trotzdem: „gross that’s all fucking gross come here I kiss you right on the mouth.“ Ganz so gelangweilt und unbeteiligt, wie es teilweise klingt, sind die drei „minimalistic music monkeys“, wie sie sich selbst nennen, allerdings nicht. Denn auch wenn Sätze wie „euthanize your friends“ („Lobe“) vorgetragen werden als ginge es um nichts, wird spätestens im Nervenbahnen zermalmenden „Cheek“ deutlich, dass der Wunsch, sich zu betäuben, nicht von ungefähr kommt.

Das alles wird getragen von einem Klanggerippe, hauptsächlich bestehend aus Bass, Gitarre und Schlagzeug, das von jedem Überfluss gehäutet ist. Meist genügen zwei oder drei Akkorde und ein kalter Pulsschlag um den Verfall am Leben zu erhalten. Dieses Gemisch aus musikalischem Minimalismus und poetischem Eskapismus könnte man sicher versuchen in irgendeine Garage-Post-Punk Schublade zu stecken oder musikalische Verbindungslinien zu Warpaint, The XX oder Mourn spinnen. Man kann das aber auch einfach lassen und stattdessen dem Wunsch der kleinen satanischen Kreatur folgen, mit ihr zu spielen. Dabei muss man allerdings ertragen, ihr schließlich dabei zuzusehen, wie sie gelangweilt den Spielplatz verlässt, um sich vergnüglich selbst zu verdauen.

https://milkyflem.bandcamp.com/album/family-party

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